Wenn das System krankt: Acht Baustellen der Spitäler
Schweizer Spitäler stehen an einem Wendepunkt: Eine Welle von Herausforderungen stellt das Gesundheitswesen vor grosse Bewährungsproben. Finanzielle Verluste, akuter Fachkräftemangel und politisch komplexe Strukturen belasten die Spitäler stärker denn je. Gleichzeitig steigt der Digitalisierungsdruck, es fehlt an Investitionen in marode Infrastrukturen, und die Versorgung muss neu gedacht werden. Selbst Qualität und Patientenerlebnis geraten unter Druck. Besonders alarmierend: In der Psychiatrie explodiert die Nachfrage, gerade bei Kindern und Jugendlichen. Dieser Blogbeitrag beleuchtet die acht zentralen Problemfelder, gestützt auf Daten, Studien und Stimmen aus der Branche.
1. Finanzielle Schieflage und Tarifsystem unter Druck
Viele Schweizer Spitäler schreiben rote Zahlen. Laut BFS verzeichneten sie 2024 ein Defizit von 347 Mio. CHF (BFS, 2024a). Zwei Drittel der öffentlichen Spitäler erzielten ein negatives Ergebnis. Ursachen sind stagnierende Tarife, Inflation, teure medizinische Innovationen und höhere Personalkosten. Berechnungen zeigen: ambulante Leistungen sind bis zu 30 % unterfinanziert (SpitalBenchmark, 2024; H+, 2024a). PwC geht in ihrer aktuellen Branchenanalyse davon aus, dass rund 70 % der Schweizer Spitäler ihre operativen Ziele nur noch mit Rückgriff auf Reserven erfüllen können (PwC, 2024).
In einer Sondererhebung der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK, 2024b) wurden insbesondere kleinere Regionalspitäler als „systemisch unterfinanziert“ eingestuft. Die Krankenkassen zeigen sich bei Tarifverhandlungen restriktiv: So dauern Genehmigungsverfahren für neue ambulante Leistungen wie radiologische Interventionen oder spezialisierte Tagesbehandlungen mitunter über ein Jahr (santésuisse, 2023). Diese strukturelle Trägheit bremst Innovation und belastet die Liquidität.
2. Fachkräftemangel und Kapazitätsengpässe
Bis 2030 werden laut OdASanté (2023) rund 30'500 Pflegekräfte und 2'000 Ärztinnen und Ärzte fehlen. Die Zahl wurde durch eine aktualisierte Modellierung der Versorgungsdaten 2024 bestätigt. Der Mangel ist nicht nur zahlenmässig, sondern auch qualitativ spürbar: In rund 13 % der Schweizer Akutspitäler besteht ein Teil des Pflegepersonals aus Quereinsteiger:innen oder Personen ohne Berufsausbildung (BFS, 2023b).
Die Folge: Stationen können nicht betrieben werden, Wartezeiten im Notfall verlängern sich, OPs werden verschoben. In einem Bericht der Careum Stiftung (Careum, 2024) wurden Burnout-Raten von über 35 % bei Pflegekräften unter 35 Jahren festgestellt. Die höchste Belastung besteht in somatischen Akutspitälern und auf Notfallstationen.
Das vom Volk 2021 angenommene Pflegegesetz ist bisher nur teilweise umgesetzt. Der Schweizer Berufsverband der Pflegefachpersonen (SBK, 2023) kritisiert, dass Finanzierungsmodelle für Ausbildungsplätze und Weiterbildungen auf kantonaler Ebene noch lückenhaft seien. Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG, 2023a) mahnt, dass „die Personalbindung strukturell unterentwickelt“ sei.
3. Politische Einbettung und Governance-Komplexität
Die politische Steuerung der Spitäler führt zu komplexen Governance-Strukturen. Viele Kantone sind Alleinaktionäre ihrer Spitalbetriebe, beeinflussen aber gleichzeitig über Gesetzgebung, Aufsicht und Planung den Rahmen. Laut einem Gutachten des Kompetenzzentrums Public Corporate Governance (ZHAW, 2023) führen diese Mehrrollen zu Zielkonflikten.
Zahlreiche Kantone haben ihre Eigentümerstrategien 2023/24 überarbeitet. Im Kanton Solothurn beispielsweise wurde im Frühjahr 2025 festgelegt, dass der Regierungsrat quartalsweise über medizinische und betriebliche Kennzahlen unterrichtet wird. Dies führt zwar zu mehr Transparenz, erhöht aber auch den Koordinationsaufwand. Der Spitalverband H+ mahnt, dass Spitalleitungen „betriebswirtschaftliche Verantwortung mit öffentlicher Erwartung vereinen müssen“ (H+, 2024b).
4. Digitalisierungsdruck: KIS, KI und Patient Journey
Die digitale Transformation im Gesundheitswesen schreitet voran, allerdings mit heterogener Geschwindigkeit. Der Digital Health Report der ZHAW (2023) schätzt den Reifegrad im Median auf 53 %. Besonders niedrig ist der Stand bei digitalen Prozessen in Pflege und Patientenpartizipation.
Das elektronische Patientendossier (EPD) hat 2025 nur ca. 127’000 aktive Nutzende (BAG, 2025), obwohl es gesetzlich verpflichtend ist. Auch in der klinischen Entscheidungsunterstützung bleibt Potenzial: Künstliche Intelligenz wird bislang primär in Radiologie und Onkologie eingesetzt. Ein Bericht der Stiftung Sanitas Krankenversicherung (Sanitas, 2024) sieht die grössten Chancen in der „präventiven Analyse chronischer Verläufe mittels KI-gestützter Vorhersagealgorithmen“.
5. Infrastruktur- und Investitionsdruck
Schweizer Spitäler müssen massiv in Infrastruktur investieren. Die Gebäude vieler Häuser sind über 40 Jahre alt, nicht energieeffizient und nicht pandemieresistent (Swiss Hospital Engineering Group, 2023). Laut KPMG (2024) fehlen den Spitälern aktuell rund 4.8 Mrd. CHF zur Erneuerung und technischen Aufrüstung ihrer Infrastruktur.
Finanzielle Rücklagen sind durch die jahrelange Unterdeckung oft aufgebraucht. Ein Drittel der Spitäler muss Investitionen verschieben oder mit Leasingmodellen improvisieren. Besonders betroffen: OP-Säle, Isolierstationen, IT-Backbones. In Bern, Zürich und Graubünden wurden Neubauten 2024 wegen Finanzierungsengpässen vorläufig gestoppt.
6. Versorgungsplanung, Angebot und Spezialisierung
Die Schweiz verfügt laut BFS (2024c) über 276 Spitalstandorte, davon 101 mit akutstationärem Angebot. Die Spitallandschaft ist historisch gewachsen, aber ineffizient. Santésuisse (2024) fordert eine koordinierte Planung mit Fokus auf Spezialisierung und Mindestfallzahlen.
Der Anteil unterversorgter Regionen (v. a. Berggebiete) steigt, da kleine Häuser ihre Notfalldienste reduzieren müssen. Der Ausbau hochspezialisierter Medizin (HSM) wurde 2023 durch den Bundesrat vorangetrieben. Dabei wurde jedoch kritisiert, dass kantonale Eigeninteressen eine flächendeckende Umsetzung verzögern (IVHSM, 2023).
7. Qualität und Patientenerlebnis unter Druck
Obwohl 95 % der stationären Patienten ihre Spitäler weiterempfehlen (ANQ, 2023), ist die Versorgung nicht frei von Risiken. Das BAG (2023b) nennt jährlich rund 90'000 vermeidbare Fehler, wovon 25 % zu schweren Komplikationen führen. Auch Patientensicherheit und Hygiene stehen im Fokus: In 21 % der Schweizer Spitäler wurden 2024 erhöhte multiresistente Keime festgestellt (Swissnoso, 2024).
Qualitätsmanagement ist aufwendig und oft unterfinanziert. ANQ empfiehlt, Outcome-Messungen wie PROMS und PREMS flächendeckend zu implementieren. 2025 starteten dazu Pilotprogramme in vier Kantonen (AG, GE, LU, SG), deren Ergebnisse vielversprechend sind.
8. Psychiatrie: steigende Nachfrage bei Kindern und Jugendlichen
Die stationären Fälle bei Jugendlichen (10–24 Jahre) stiegen 2023 um 18 %, bei Mädchen gar um 26 % (BFS, 2023c). Psychiatrien melden Überbelegung. Die Universität Zürich (2024) bezeichnete die Lage als „epidemiologisch bedenklich“.
Der Mangel an Kinder- und Jugendpsychiater:innen (KJP) ist besonders gravierend: Landesweit fehlen gemäss FMH (2023b) rund 300 Fachpersonen. Ambulatorien verzeichnen Wartelisten bis zu sechs Monaten. In Zürich, Basel und Waadt wurden deshalb Notfallambulanzen mit 24-h-Dienst aufgebaut.
Weitere Herausforderungen
Ambulantisierung: 2024 wurde TARDOC als neuer Tarif genehmigt, doch die Umsetzung hakt. Viele Spitäler berichten von unklaren Abrechnungsregeln und Liquiditätsproblemen (Curafutura, 2024).
Demografie: Bis 2040 steigt der Anteil über 80-Jähriger auf 12 %. Das entspricht einer Verdoppelung seit 2000 (Deloitte, 2022).
Regulatorik: Das neue Datenschutzgesetz (revDSG, 2023) erfordert aufwändige Anpassungen. Spitäler müssen Patientenakten neu strukturieren (EDÖB, 2024).
Erwartungsdruck: Laut einer Umfrage von Comparis (2023) erwarten 82 % der Versicherten „sofortige Behandlung, wohnortnah, digital begleitet“.
Fazit
Die Herausforderungen der Schweizer Spitäler sind vielschichtig, miteinander verwoben und systemisch. Doch sie können als Chance genutzt werden, um die Versorgung zukunftsfähig zu gestalten. Dazu braucht es Mut zur Veränderung, bessere Finanzierung und vor allem: Zusammenarbeit zwischen Politik, Fachwelt und Gesellschaft. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob das System aus der Krise gestärkt hervorgeht oder weiter unter Druck gerät.
Literaturverzeichnis
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